Botanischer Blindengarten Radeberg

Der Botanische Blindengarten des Taubblindendienstes der Evangelischen Kirche Deutschland e.V.in Radeberg Nähe Dresden ist Begegnungsstätte für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen. Sie können sich dort frei und ohne fremde Hilfe zu bewegen, mobiler werden und Struktur den Tag zu strukturieren. Der Taubblindendienst e.V. bietet mehrfachbehinderten Menschen die Möglichkeit des ambulant betreuten Wohnens im Gästehaus mit acht Gästezimmern, sowie in einer angegliederten Wohnanlage mit insgesamt elf Wohnungen. Die Betreuung erfolgt durch Heilpädagogen, Sozialpädagogen Heilerziehungspflegern, Ergotherapeuten und Gartentherapeuten.

 

Die pflanzliche Gestaltung des Gartens für
taubblinde Menschen

Menschen mit funktionierenden Sinnen erfreuen sich an Form, Farbe und Duft einer Pflanze. Gegebenenfalls kommt noch Geschmack hinzu. Die Textur einer Pflanze fördert Emotionen und Freude. Taubblinde Menschen haben nur noch drei Sinnesorgane: Den Geschmackssinn, den Geruchssinn und den Tastsinn. So müssen die Pflanzen eines Gartens diese Sinneswahrnehmungen anregen. Im Laufe der Jahre wurden im Botanischen Taubblindengarten mehr als zwanzig verschiedene Arten Flieder gepflanzt, außerdem verschiedenste Magnolien, mehr als fünfundsiebzig verschiedene Rosensorten sowie mehr als zwanzig verschiedene Duftjasmine. Es gibt Pfade, die durch die Bepflanzung mit verschiedenen Minzen den Weg weisen, Hochbeete zum Sitzen oder Liegen, die mit Thymian, Korsischer Minze oder Römischer Kamille zum Ausruhen einladen, Hochbeete, die mit Kräutern, Fühl- oder Duftstauden bepflanzt sind, eine Duftpelargoniensammlung und einen Küchengarten, in dem unter anderem die Zitronenverbene für den täglichen Tee gedeiht. Am Ende des Gartens steht ein großes Gewächshaus, in dem Aus- und Ansaaten gedeihen, Stecklinge wurzeln, Jungpflanzen für den Verkauf bereitstehen und alte, gesunde und schmackhafte Tomatensorten auf neue Besitzer warten.

Der Taubblindengarten ist überregional bekannt für die Kameliensammlung, die mit ihrem Duft Mitarbeiter, Bewohner und Gäste betört.

 

Die Pflege der Pflanzen erfolgt durch die Leidenschaft, Freude und das Engagement der Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit den behinderten Menschen. Diese orientieren sich durch Tasten und Fühlen und sind außerordentlich geschickt und sicher bei allen anfallenden gärtnerischen Tätigkeiten.

 

Ein Hinweis zur Kommunikation von Mitarbeitern und Klienten im Taubblindengarten

Die Kommunikation untereinander erfolgt durch die Gebärdensprache, die auch von den Mitarbeitern beherrscht wird, als auch durch die einzig mögliche Kommunikation unter taubblinden Menschen, dem „Lormen“, benannt nach Hieronymus Lorm, geboren im Jahr 1881. Der „Sprechende“ tastet dabei auf die Handinnenfläche des „Lesenden“. Dabei sind einzelnen Fingern sowie bestimmte Handpartien bestimmten Buchstaben zugeordnet.

Geschichte des Botanischen Blindengartens

Am Rande der Stadt Radeberg liegt eine ehemalige Industriellenvilla, die von 1956 bis 1973 eine Entbindungsklinik war und bis heute den Namen „Storchennest“ trägt. Nach 1973 stand die Villa leer und verfiel allmählich. Das Grundstück mit einer Größe von 5.600m², verwilderte zusehends. Im Jahr 1988, noch vor der Wende, beschloss der Verein für Blinde und Taubblinde, das Storchennest zu erwerben, dieses zu sanieren und als Gästehaus für Mehrfachbehinderte zu nutzen. Seit dem Jahr 2000 wurden mehrere Grundstücke hinzugekauft. Seit 2002 hat der Garten den Rang eines Botanischen Blindengartens und ist damit einzigartig unter 141 Gärten im Verband Botanischer Gärten in Deutschland . Er umfasst heute eine Gesamtfläche von 22.000m², 1,5 Kilometer Wegstrecke führen durch das Gelände, das durch rund 800 Meter Hand-lauf gegliedert ist und Halt und Orientierung gibt. Die Handläufe sind mit Braille-Schrift (Blindenschrift) versehen, die auf Abzweigungen hinweisen oder als Wegweiser dienen.

 

Die Theologin Ruth Zacharias, geboren am 12.08.1940 in Mölschow auf der Insel Usedom, erkrankte im Alter von zehn Jahren an einer Netzhauterkrankung  und erblindete. Sie besuchte eine Blindenschule und studierte später Theologie. Im Jahr 1989 wurde sie zur Geschäftsführerin und Leiterin des Gästehauses „Storchennest“ ernannt . Ihr Ziel war, das große Gartengelände in die tägliche Arbeit mit einzubeziehen und ihn für die mehrfach behinderten Menschen nutzbar zu machen. Sie erwarb sich umfassende Kenntnisse im Gartenbau, beschäftigte sich mit Gartengestaltung für blinde Menschen und richtete ihr Augenmerk auf die Pflanzung von Fühl- und Duftpflanzen. Der Botanische Taubblindengarten ist ihr großartiges Lebenswerk, für das sie zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen erhielt. Seit 2015 liegt die Geschäftsführung und Leitung in den Händen von der Pastorin Ulrike Fourestier.

 

 

 

© Garthentherapeuten Nord, 2016